24. Oktober 2010
Sunday Morningt Coming Down - Get in the Soultrain with Sharon Jones
In Österreich hört man öfters von einem Kirchensterben, von leeren Gotteshäuser und einem Rückgang der Gläubigen. Ein Problem welches sich leicht lösen lässt. Man müsste nur die Soulgranate Sharon Jones und ihre Band – the Dap Kings - für Auftritte in den heimischen Gotteshäusern engagieren. Die Buden wären im Handumdrehen wieder voll. Dies könnte jedoch zu einer anderen viel folgenschwereren Konsequenz führen. Ein Konzert von Sharon und ihrer Band verlassen die Besucher so beseelt und befreit, dass Sie danach vielleicht nie wieder eine Kirche brauchen. Es ist diese unvergleichliche und wahrhaftige Freude welchen den Hörer bei diesen Konzerten erfasst. Eine Freude die nur mit dem paradiesähnlichen Zustand zu vergleichen ist, welchen Adam & Eva genossen haben, bevor sie vom Gottvater aus dem selbigen vertrieben wurden. Seitdem irrt der Mensch durch die Geschichte auf der verzweifelten Suche nach dem ursprünglichen Glück und versucht seine Leere durch Konsum, Drogen und andere vermeintliche Abkürzungen zu füllen. Alle bisherigen Versuche des lieben Gottes den Menschen durch Propheten und Religionen aus seinem geistigen Gefängnis zu befreien, können als gescheitert betrachtet werden. So blieb dem Allmächtigen nur mehr ein allerletzter Weg – die Musik. Nicht irgendeine Musik – Soulmusik.
Es war der größte Sänger des 20. Jahrhundert – Sam Cooke – der diesen Erlösungsprozess einleitete. Sam Cooke war, wie die meisten schwarzen Sänger, ein Gospelsänger. Er war es, der zwei der größten historischen Gegensätze verband und daraus einen neuen heiß brennenden Musikstil schuf. Sam Cooke vereinigte Religion mit Sex. Er verband das Preisen und Loben Gottes in der Gospelmusik mit den Freuden der irdischen Liebe. Soulmusik war geboren und viele Propheten folgten um diese neuen Wahrheit den Menschen zu verkünden. Und sie taten das nicht mit Feuer und Schmerz sondern mit Rhythmus, Leidenschaft & Seele. James Brown, Aretha Franklin, Ray Charles, Tina Turner, Al Green, Otis Redding, Wilson Pickett & Mavis Staples brachten die Gospel in die ganze Welt. Und wir Europäer, emotional gelähmt, kopfgesteuert und freudlos dahin fristend können nur dankbar sein, dass es diese Musik gibt.
Die aktuelle Hohenpriesterin des Soul heißt Sharon Jones kommt aus Georgia und katapultiert mit ihrer Band den Soul der 60er Jahre ins 21. Jahrhundert. Am Freitag hatte ich die Gelegenheit ihrem Konzert in München beizuwohnen, welches zu einer Messe ausartete und ausschließlich bekehrte Seelen in die Nacht entließ. Sharon fegte und jubilierte über die Bühne als gelte es mit ihrer Band einen kollektiven Exorzismus durchzuführen. Die Frau tanzte, sang und frohlockte. Begleitet wurde Sie von den Dap Kings eine Band die so präzise spielt als gelte es mit Rasierklingen Atome zu spalten und zugleich eine entspannte Lockerheit an den Tag legt welche nicht mal in Wiener Kaffeehäusern zu finden ist. Mein Gott. Wenn Bruce Springsteen könnte, er würde sofort diese Band engagieren und seine E-Street Band wie räudige Hunde in die Wüste schicken. Sharon Jones & the Dap Kings bewiesen auf eindrucksvolle Weise warum man diese Musik Soulmusik nennt. Weil diese Musik die Seele befreit. Ich muss jetzt aufhören zu schreiben. Muss tanzen gehen und Seele befreien…………….
Andi Bauer
Ps.
HIER ein Konzert von Sharon Jones & the Dap Kings
24. Januar 2010
Sunday Morning Coming Down - Die Kolummne am Sonntag
(Photos von
Gestern, gab die deutsche Band Element of Crime ein wunderbares, herzerwärmendes und berührendes Konzert im Innsbrucker Hafen.
Musikalisch pendelt die Band geschickt zwischen Karnevalsmusik, kauzig teutonischem Folkpop und besoffenen französischen Chansons. Das neue Album hat sogar einen in Whiskey getränkten Schuss Country. Beim Konzert servierte Sänger & Texter Sven Regener nonchalant und spitzbübisch seine Weisheiten, über die Liebe und das Leben, spielt dabei lässig seine Gitarre und Trompete und ruderte bisweilen mit den Armen wie ein betrunkener Matrose. Köstlich & Klug der Mann. Die Band agierte dabei zurückhaltend, entspannt und souverän. Viel bedeutender ist jedoch Regeners Bemühen seit 25 Jahren, das Phänomen der Liebe und insbesondere des Liebeskummers in Worte zu fassen und gemeinsam mit seinen Mitmusikern in Melodien zu zwängen. Ein – und das wissen wir alle – natürlich unmögliches Unterfangen, welches jedoch bei Element of Crime zu teils beachtlichen Ergebnissen führte. Die Band beherrscht das Thema und hat einfach die besten und auch klügsten Liebeslieder im deutschsprachigen Raum. Das Meisterstück von E.O.C. zu diesem großen Thema ist, und daran gibt es keinen Zweifel, Weißes Papier vom gleichnamigen Album aus dem Jahre 1993. Denn bei diesem Lied gelang das Unmögliche. Weißes Papier beschreibt die unstillbare Sehnsucht nach einem geliebten Menschen, begleitet von der Gewissheit, dass es für immer vorbei ist und man den Anderen trotz verzweifelter Versuche doch nicht vergessen kann. Dieses Gefühl haben Element Of Crime eingefangen, in ein Lied gegossen, verpackt und für ewig verschweißt. Ein ähnliches Kunststück als ob jemand in der Lage wäre Wolken, Sonnenstrahlen oder die Tränen Gottes einzufangen.
Ich nehm deine Katze und schüttel sie aus
Bis alles herausfallt
Was sie jemals aus meiner Hand fraß
Spater klopf ich noch den Teppich aus
Und find ich ein Haar von mir darin
Dann steck ich es einfach ein
Nichts soll dir böse Erinnerung sein
Verraten, was ich dir gewesen bin
Sag nicht, daß das gar nicht nötig war
Denn schmerzhaft wird es erst hinterher
Wenn wieder hochkommt, was früher mal war
Dann lieber so rein und so dumm sein
wie weißes Papier
Regener singt die Zeilen wie ein gebrochener Mensch, der um sein letztes Bisschen Würde ringt und versucht, sich mit größter Mühe, die positiven Begleitumstände vor Auge zu führen. Wobei wir alle wissen – die Mär vom Positiv denken und dem Glück im Unglück funktioniert bei gebrochenen Herzen nicht. Am Ende setzt dann noch die Trompete ein, traurig und einsam als ob sie nicht zum Lied gehört.
Nicht mal das Meer darf ich wiedersehen
Wo der Wind deine Haare vermisst
Wo jede Welle ein Seufzer
Und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist
Am liebsten wär ich Astronaut
Und flöge auf Sterne, wo gar nichts vertraut
Und versaut ist durch eine Berührung von dir
Ich werd nie mehr so rein und so dumm sein
wie weißes Papier
Schöner war Weinen nie.
Auch gestern wurde das Lied gespielt und in einem Atemzug wurden Herzen gebrochen und geheilt. Trotz, der so oft tieftraurigen Lieder, waren beim Konzert nur glückliche Gesichter zu entdecken. Vielleicht war es das Glück von Menschen, welche sich in diesem Augenblick verstanden fühlten. Bis zum endgültigen großen Glück gilt jedoch weiterhin: Durchhalten, Element of Crime hören und die Katze schütteln und schütteln und schütteln……
Andi Bauer
7. Januar 2010
Das letzte Wort zur Postweihnachtsdepression..
…..hat natürlich unsere liebste deutsche Band - Element of Crime
und singen dort das Lied vom Schädelweh.
Tritt nicht auf das Laub, darunter wohnt das Grauen
und das Gelbe daneben ist der Schnee.
Freu dich nicht zu früh auf den Sommer
Weihnachten ist gerade erst vorbei
Im Treppenhaus riecht es noch nach Glühwein
Und im Fernsehen läuft der weiße Hai
Hart verdient das Brot, härter die Erkenntnis
und am härtesten ein ganzer Tag mit dir.
Ruf mich einfach an, wenn du Inventur machst
und Hilfe brauchst von einem, wie mir.
Und dazu spielt die Band einen entspannten Countrygroove der sich irgenwie an einem französischen Chanson reibt. So soll es sein – so darf es sein.
Die Band spielt übrigens im Jänner Konzerte - in Wien, Linz & Innsbruck.
Für Liebende, liebeskranke und hoffnungslose
Andi Bauer